Interview mit Prof. Pasquale Calabrese

08. August 2016

Interview mit Prof. Pasquale Calabrese

 

Wie entsteht Stress?

Stress entsteht aus einem Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen die eine Situation an einem Biosystem stellt und den Möglichkeiten, die dem Biosystem zur Verfügung stehen, um diese Anforderungen zu bewältigen. Hierbei ist Stress nicht in jedem Falle schädlich, sondern kann kurzzeitig auch hilfreich sein, etwa in Situationen, die wir durch „Flucht- oder Kampfstrategien“ besser überstehen. Auch kann die Ausschüttung von Stresshormonen zu einer Leistungsoptimierung beitragen, z.B. in dem sie uns aufmerksamer oder reaktionsbereiter macht; wir sprechen dann von „Eustress“, oder eben „guten Stress“.

Warum ist Stress insbesondere im höheren Lebensalter besonders schädlich?

Auf lange Sicht verursachen diese chronisch ausgeschütteten Stresshormone auch Schäden. So ist bekannt, dass z.B. länger anhaltende Stress-Situationen die Gedächtnisleistung verschlechtern. Auch kommt es bei Dauerstress zu einer Veränderung der Immunantwort, hierbei sind insbesondere ältere Gehirne von diesem Prozess betroffen. Dies wird mit dem Begriff „inflammaging“ ausgedrückt. Hierunter versteht man die durch chronischen Stress verursachte, vermehrte Ausschüttung von proinflammatorischen Zytokinen, die ihrerseits mit der Entwicklung chronischer Erkrankungen bei älteren Menschen im Zusammenhang steht.
Tatsächlich ist die sogenannte Immunoseneszenz, also das Altern des Immunsystems, eine Begleiterscheinung des Alterns die durch ein Nachlassen der Immunabwehr gekennzeichnet ist. Es kommt zu einer zunehmenden Rückbildung des Thymus welche wiederum mit einer mangelnden Reifung von T-Lymphozyten vergesellschaftet ist. Hierdurch ist das Immunsystem auf die bis anhin gebildeten T-Lymphozyten angewiesen. Während also in jungen Jahren der Körper einen hohen Anteil an nicht aktivierten – T-Lymphozyten, einen geringen Anteil an Gedächtniszellen und kaum Effektorzellen hat, kehr sich das Verhältnis im höheren Lebensalter um: Es dominieren die Effektorzellen, während es weniger Gedächtniszellen und kaum noch nicht-aktivierteT-Lymphozyten gibt. Diese Verschiebung bewirkt auch Veränderungen in der Zytokinausschüttung, wobei signifikant weniger antiinflammatorische Zytokine ausgeschüttet werden als in jungen Jahren, während verstärkt proinflammatorische Zytokine gebildet werden.
Insgesamt ist Altern also mit einer erhöhten Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe verbunden, mit der Folge, dass die Entstehung verschiedener Erkrankungen mit inflammatorischer Komponente, wie z.B. die Alzheimer Erkrankung, Arthritis, aber auch Arteriosklerose, Osteoporose sowie der Altersdiabetes begünstigt wird. Hierbei wird diese Verschiebung der Immunverhältnisse auch als eine Ursache des Alterungsprozesses selbst betrachtet.

Durch welche Maßnahmen lässt sich dieser Prozess beeinflussen, d.h. welches sind die wichtigsten salutogenetischen Faktoren im Alter?

Die Studienlage zeigt, dass neben den genetischen Komponenten insbesondere Lifestyle Faktoren – und hier vor allem Ernährung und Bewegung – sowie regelmässige Sozialkontakte deutliche risikomodifizierende Effekte haben.

Sie haben insbesondere Ernährung als wichtigen Faktor genannt. Gibt es hierzu belastbare Studienergebnisse?

Es ist seit einigen Jahren bekannt, dass sich die sogenannte „mediterrane Diät“ positiv auf die Gesundheit (insbesondere auf das Gehirn) auswirkt. So konnte bereits vor 6 Jahren in einer gross angelegten, US-amerikanischen Studie gezeigt werden, dass diejenigen Personen, die sich mit viel frischem Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn, Fisch und Olivenöl ernähren, wesentlich seltener Schlaganfälle erleiden. Eine von Scarmeas und Mitarbeitern durchgeführte Ernährungsstudie (2010) konnte an 712 Personen die in drei Gruppen eingeteilt wurden (je nachdem, wie genau sie die mediterrane Diät einhielten) zeigen, dass nach sechs Jahren bei denjenigen, welche die Diät am genauesten eingehalten hatten, Gehirnschädigungen um 35% weniger häufig auftraten, als bei denjenigen, die sich am wenigsten an diese Diät gehalten hatten. Diejenigen Teilnehmer, welche die mediterrane Diät immerhin zumeist eingehalten hatten, zeigten ebenfalls eine Verminderung des Risikos für einen Gehirnabbau.
Auch in einer jüngst veröffentlichten, europäischen Studie (Hartman et al., 2016) konnte erstmals nachgewiesen werden, dass ein spezielles Nahrungsergänzungsmittel für besondere medizinische Zwecke die Gedächtnisleistung von Patienten mit Alzheimer-Demenz im Frühstadium aufrechterhalten kann. Tatsächlich konnten diejenigen Patienten, welche in dieser Studie dieses Nahrungsergänzungsmittel täglich erhielten verschiedene geistige Alltagsaufgaben besser bewältigen als die Kontrollgruppe.

 

 

 


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